Das verkommene Schwein

Der Doppelpass schwächelt. Mit dem Abgang von Udo Lattek hat der Fußball-Stammtisch an Reiz verloren. Sport 1 will offensichtlich einen sachlicheren Talk. Das geht aber gründlich daneben.
Die Redaktion des Doppelpasses (Dopa) muss es gewusst haben: Keiner kann Udo Lattek ersetzen, der zuletzt nicht mehr ohne den Beisatz „Trainerlegende“ erwähnt werden konnte. Also versuchten es die Macher mit drei sich abwechselnden Experten: Thomas Strunz, Thomas Helmer und Mario Basler. Erinnert ein wenig an die Troika der SPD – und droht genau so gnadenlos daneben zu gehen.

Zuspitzen sieht anders aus. Von seiner Zeit als Fußballer böte sich ja Mario Basler für die Rolle des Quertreibers und Sprücheklopfers an. Doch der will jetzt seriös sein. Ein blöder Fehler. Fußballfans wollen kaum Euphemismus und schon gar nicht ausführliche Seriosität. Den Gesang: „Werter Manuel Neuer, ihren Wechsel zu Bayern München lehnen wir als Undankbarkeit gegenüber unserem Verein ab“ verkürzen sie zu drei Wörtern.

Die Würze, die Basler verstreuen könnte, hätte der Dopa dringend nötig – wie die Sendung von diesem Sonntag zeigte. Da lag es auch an der Schwäche des restlichen Casts. Allen voran Clemens Tönnies. Der Aufsichtsratsvorsitzende des FC Schalke versprüht den Charme eines Abteilungsleiters in einer deutschen Behörde aus den 50ern. Würde man ihn für einen Film besetzen, wäre Tönnies der, der die Finanzierung der rettenden Operation für das leukämiekranke, niedliche Kind ablehnen würde.

Tönnies schilt gegen Journalisten, die aus fünf Niederlagen in Folge gleich eine Krise machen. Die Meute, die. Oder er ätzt gegen seinen ehemaligen Trainer Felix Magath und lässt sich dabei die Analyse von einem Redakteur der Westdeutschen Allgemeinen in den Mund legen, dessen Namen sich keiner merken muss. Das Gleiche gilt für den Mann von der Sport Bild, der lediglich einen Eindruck hinterlässt: Im Hause Springer bedienen sich mittlerweile alle am gleichen Geltopf. Wäre noch ZDF-Mann Boris Büchel, um im Stile der Öffentlichen Rechtlichen den seriösen Journalismus zu retten. Keiner zahlt so viel ins Phrasenschwein wie er. Mission accomplished.

Trotzdem schön, dass das Schwein mal wieder seinen eigentlichen Zweck erfüllen darf: Phrasendrescherei bestrafen. Mittlerweile ist es dazu verkommen, Spenden von Publikum und mittelständischen Unternehmen zu fressen, deren Name dann Dopa-Moderator Jörg Wontorra runter liest, was ein wenig an die Grußstunde im Seniorenradio erinnert – nur dass hier niemand Tante Jutta aus Wuppertal erwähnen darf.

Dabei stand gerade das Phrasenschwein mal für das Gute am Doppelpass. Es zwang die Experten dazu, den üblichen Fußballersprech wegzulassen und sich dem Thema in vernünftigen Worten zu nähern. Das gelang. Und zwar so gut, dass einem zwischenzeitlich in allen anderen Sportformaten durch den Sinn ging: Beim Doppelpass hätt‘ das jetzt fünf Mark oder drei Euro gekostet.

Apropos selige Vergangenheit. Udo Lattek hat die Sendung geprägt. Er war die Sendung. Wo sich Zettelableser wie Jörg Wontorra in schwammigen Formulierungen verlieren wie: „Gibt es atmosphärische Störungen?“ oder „Hat der Verein ein Hierarchieproblem?“ – da blieb Lattek erfrischend konkret und somit journalistisch. Fragen von ihm lauteten: „Wer unterschreibt die Verträge?“ „Wer kann wen entlassen?“ „Von wem hat X erfahren, dass Y verpflichtet wird?“ Da gab’s dann übrigens auch konkrete Antworten drauf.

Auch Lattek hatte seine weniger lichten Momente. Dann erzählte er seine Anekdoten von Gerd Müller, der auch mal einige Spiele nicht traf oder Maradona, der in Barcelona für Latteks Entlassung sorgte, nach dem dieser die Unpünktlichkeit des argentinischen Enfant terribles bestraft hatte. Zugegeben, das war redundant. Aber es war verlässlich unterhaltsam.

Ist der Doppelpass jetzt tot? Nicht zwangsläufig. Die Hoffnung heißt Basler. Der soll sich wie Dieter Bohlen ein paar Sprüche vorher schreiben lassen und ansonsten seinem Instinkt trauen, wenn er einen raushauen will. Gepaart mit einem Fachmann, der sich weiter in die Tiefe wagt als Helmer-Strunz könnte das funktionieren. Der restliche Cast, die blassen Gesichter – unbekannt aus Zeitung und von hinter der Kamera – ist ohnehin verzichtbar. Zwar ist es wenig abwechslungsreich immer auf Manni Breuckmann, Jürgen Klopp, Uli Hoeneß oder Oli Pocher zu setzen – aber sehenswert. Gemeinsam mit Basler und einem festen Experten würde das funktionieren.

Und einen Gefallen könnte Jörg Wontorra dem Doppelpass tun: Seine persönliche Abneigung überwinden und Intimfeind Rolf Töpperwien einladen. Töppi, Manni und Mario Basler – das wäre ein Grund, sonntags um Elf einzuschalten und dran zu bleiben.