Tod eines Images

Boris Becker war ein Riese. Hunderttausende Kinder haben einst angefangen, Tennis zu spielen, weil es ihn gab. Er hat Modetrends ausgelöst und Millionen vor den Fernseher gebannt. Mit seinem heutigen Auftritt bei Oliver Pocher geht er den gleichen Weg der Lächerlichkeit, auf dem Lothar Matthäus schon fortgeschritten ist.

Boris Becker trägt einen Stoff-Hut, der einer überdimensionalen Fliege ähnelt und an dem zwei Mückenplättchen links und rechts baumeln. Das erste bekannte Vorabfoto von „Becker gegen Pocher – Der Showdown – Alle auf den Kleinen“ lässt nichts Gutes ahnen. Zu der Show kam es, weil sich der Showmaster und der Tennisstar auf Twitter gefrotzelt haben. Laut Pressetext von RTL soll dieser größte Twitter-Krieg aller Zeiten nun geklärt werden. So weit so banal die Vorgeschichte.

Angeblich stellt sich Boris Becker in dem TV-Duell um seine Ehre wieder herzustellen. Wie viel bleibt aber von der Ehre eines Mannes übrig, der mit aufgedunsenem Gesicht dasteht, einen Spaß-Hut trägt  und sich in sportlichen Übungen von seiner Frau vertreten lassen muss, weil seine eigene Knochen kaputt sind? Es ist nicht geklärt, ob Beckers Berater oder er selber diese Frage ernsthaft erwogen haben, bevor sie RTL zusagten.

Einige Medien spekulieren, es sei eine höhere sechsstellige Summe, die Becker zur Zusage ermutigt habe. Das wäre eine spektakuläre Nachricht. Denn eigentlich könnten Außenstehende vermuten, dass Becker in seiner Tenniskarriere genug verdient haben müsste, um sich ein sorgenfreies Leben nach der Karriere zu gönnen.

Einerseits hat Becker mit Scheidung, Investitionsflops, Alimenten und Steuerproblemen einige massive Ausgaben gehabt. Andererseits hat er immer noch einen gewissen Marktwert und kann Geld als Experte oder als Werbefigur verdienen. Wenn er wirklich auf einen sechsstelligen Betrag angewiesen ist, heißt das, dass er ein ziemlich hohes Vermögen durchgebracht haben muss.

Es liegt aber nahe, dass Geld nicht das einzige, ja nicht einmal das Hauptmotiv für Beckers Handeln ist. Zumal es mit Lothar Matthäus einen anderen Fall gibt, der dem von Boris Becker frappierend ähnelt. Auch der Rekordnationalspieler hat genügend verdient und bessert sich seine Altersteilzeit durch lukrative und regelmäßige Auftritte als TV-Experte auf – und macht sich trotzdem in schöner Regelmäßigkeit medial zum Horst.

Spitzensportler sind Events. Ein willkürliches, hypothetisches Beispiel: Thomas Müller sagt nach direkt nach dem Spiel am Rande des Felde: Er wünsche sich eine einheitliche Auslegung der Abseitsregelung. So wenig würde reichen, um Dutzende Talkshows, hunderte Printartikel und heftige Debatten an den Stammtischen auszulösen.

Diese Aufmerksamkeit kann nerven. Aber sie birgt auch Suchtpotential. Die Urzeit-Menschen haben Zeichnungen in den Höhlen hinterlassen, die Ägypter Pyramiden gebaut. Das Bedürfnis, andere wissen zu lassen, dass man da war, ist steinzeitalt. Spitzensportler erleben es in einer Überdosis. Und fallen nach der Karriere in den Entzug.

Das trifft manche sofort. Wann hat man Marc-Kevin Göllner zum letzten Mal im Fernsehen gesehen. Eben. Und mancher wird sich schon fragen: Wer war das nochmal? Bei den ganz Großen geht das nicht so schnell. Aber es gibt einen schleichenden Verfall. Und ehe man es sich versehen hat, wird Berti Vogts nicht mehr als „Terrier“ ähnlicher Verteidiger, sondern als Trainer mit peinlichen Zitaten gesehen oder Matthäus eben nicht mehr als erster Weltfußballer der Geschichte, sondern als Ehemann von kükenjungen Möchtegernmodels in der Klatschpresse.

Trotz Besenkammer-Affäre und medial inszenierter Trennungen konnte Becker diesen Verfall bisher bremsen. Mit seinen Auftritten, etwa in den Pokernächten von TV Total, gelang es ihm, immer noch Coolness auszustrahlen. Mit einem Pokerportal ist er auch in einem nicht peinlichen Werbespot zu sehen. Nun steht er da. Die Wangen schwammig, der Blick müde und auf dem Kopf eine Mütze, an der Mückenplättchen baumeln – das war’s dann wohl mit seinem Image.