Deutschlands schönste Schlager

Die Nacht gehört denen, die Sex haben. So sang es schon Patti Smith akurat und überzeugend. Doch es gibt auch ein Liebesprekariat, das über Jahre ohne feste Anstellung in einer Beziehung bleibt. Ihnen bleibt in der Nacht das Fernsehen, das manche Perle bietet - etwa in der Werbung.

Wer als Erster Sport Clips denkt, verliert. Höchstens amourösen Gourmands erfüllt es einen Zweck, wenn eine Hauptschulabbrecherin aus Bottrop Ost sich nackig um einen Torpfosten räkelt und im Hintergrund Herbert Grönemeyer daran erinnert: „Der Mensch bleibt Mensch.“ Vielleicht Herr Kafka hätte noch seinen Spaß daran gehabt.

ARD und ZDF füttern die verhinderten Liebenden nachts mit Wiederholungen, die Privaten tun ihnen das gleich. Warum auch noch die Dritten die Highlights ihrer Kaffee-und-Kuchen-Berichterstattung des Nachts ein zweites Mal verglühen lassen müssen, bleibt den Ermittlern des Gebührenbedarfs zu bewerten.

Das eigentlich innovative Format der Nacht bietet die Speerspitze des Autorenfernsehens: Super RTL. Schnelle Schnitte, historisches und aktuelles Filmmaterial, Prominentenstimmen, Clipstyle, Musikfetzen - alle Erfolgszutaten finden sich hier vereint. Verantwortlich dafür zeichnet die Kreativschmiede des „Shop 24 Direct“. Die haben gleich mehrere Formate am Start.

Das Hauptwerk sind „Die besten Bild-am-Sonntag-Schlager des Jahrhunderts“, die von den Lesern der Bams gewählt wurden. Jürgen Milski moderiert, der Johnny Carson des Nachtprogrammsn, bekannt von Big Brother und dem Hot Button. Er führt uns durch ein buntes Panoptikum, das von Ausschnitten aus der Heckschen Hitparade bis zu Filmen aus dem plastikbestuhlten Wintergarten eines Schnellstecherhotels reicht, mit denen die Dritten sonntags meinen, ihrem prätoten Publikum abends Landstriche näher zu bringen.

Kein Clip läuft länger als 20 Sekunden und trotzdem erzählt jeder eine Geschichte. Etwa die von Julio Iglesias, dem der Regisseur offensichtlich zwei Teenagermädels zur Seite gesetzt und den klaren Auftrag erteilt hat: Anschmachten. Mission accomplished, können die beiden sagen, wenn sie den Clip heute in ihrem Reihenhaus in Mettmann verfolgen. Die 70er sind allein am Gelb des Pullis der blonden Hauptschmachterin überdeutlich zu erkennen. Schön auch, dass die Deutsche noch schunkelt, wenn der Spanier gerade unerfüllte Liebe preist.

Oder von Costa Cordalis, der mit „Anita“ genau seine Zielgruppe ansingt. Verspießerte deutsche Frauen, die Anfang der 80er lieber vom südländischen Schönling träumten, als sich den schwammigen Sportschauer neben sich anzusehen. Fred Bertelmann, der mit seinem Lachenden Vagabunden zeigt, wie langsam früher Unterhaltung war. Auch schön, Helga und Franz oder waren es Nina und Mike, die mit den Händen Schlagzeug-Gesten zeigen, während im Playback die Bläser erklingen.

Doch es bleibt kaum Zeit, um gedanklich hängen zu bleiben. Im raschen Schnitt rasen “Dschingschingschingiskhan”, Lolita die Ältere, die in Gel betonierte Frisur von Drafi Deutscher oder der Tremolo von Heintje an den verschmähten Liebenden vorbei. Und Herr Milski kommentiert: “Wie Heintje sollte ich auch immer werden. Ja, Mama, entschuldige - hat nicht ganz geklappt. Big-Brother-Jürgen weiß halt, was das Volk gerne hört.

Der ganze Spot ist natürlich dramaturgisch durchdacht. Hinten raus, wird’s schneller, will Michelle immer häufiger im engen Ledermini heut Nacht nur noch tanzen, Helene Fischer raus aus dem Wintergarten und ihren Lover wach küssen und Die Amigos durchs Feuer gehen. Man möchte es ihnen wünschen - den Einsamen, die vorm Fernsehen einschlafen, dass sie das nicht mit in die Träume nehmen.