Hol sie besser nicht zurück

Wenn er im Flugzeug in Turbulenzen gerät, schaut er immer, ob jemand Prominenteres drin sitzt, der ihm bei einem Absturz die Schlagzeilen klauen würde. Die Anekdote stammt von Harald Schmidt. Analog dazu muss es ihn wurmen, dass sein mediales Ende vom Urteil gegen Uli Hoeneß in den Schatten gestellt wurde. Aber es passt zu seinen letzten Jahren.

Der Aufstieg von Harald Schmidt von einem TV-Talent zu einer Ikone, zu einer öffentlichen Institution, begann 1995. Schmidt gehörte zu einem Trio mit Thomas Gottschalk und Fritz Egner. Zusammen verkörperten sie eine Programmoffensive von SAT1 mit dem Ziel, Nummer eins des deutschen Fernsehens zu werden. Gut, hat nicht funktioniert. Dass aber ausgerechnet die Harald-Schmidt-Show das nachhaltigste Projekt wurde, ist einer der Treppenwitze, über die keiner so amüsiert kichern kann wie Schmidt selbst.

Während der von „Wetten dass…“ verwöhnte Gottschalk unter der nur passablen Quote bei SAT1 litt, machte Schmidt seine ruinös schlechte Quote zum Thema seiner Witze. Und er machte – eines der wichtigsten Rezepte für alles richtig Große: weiter, immer weiter. Daraus wuchsen Klassiker des deutschen Fernsehhumors: mit Lego-Figuren nachgespielte historische Szenen, die Sendung auf Französisch, die mit dem Rücken zur Kamera, Bimmel und Bommel oder die lange Nacht des Radios, in der nichts als ein Radio-Apparat im Stile des Volksempfängers zu sehen war und Schmidts Stimme zu hören. Er parodierte alle gängigen Klischees der Radiosprecher wie das des amerikanischen Moderators, der sich über 40 Jahre weigert, die deutsche Sprache zu lernen.

Es war das Frühjahr 2001. Schmidt war auf seinem Höhepunkt. Dann kam der elfte September. Zwei Wochen lang lag Deutschland unter der Käseglocke einer hysterischen Berichterstattung, die das freie Denken vergiftete, sodass sogar ein Bundeskanzler von der „uneingeschränkten Solidarität“ sprach, der kein halbes Jahr später wieder bei genug Verstand war, Deutschlands-Einsatz im Irak-Krieg abzulehnen.

Schmidt bot das Gegengift. Als ihn SAT1 zum ersten Mal, exakt zwei Wochen nach dem elften September, wieder auf Sendung ließ, sezierte er die Berichterstattung der zurückliegenden 14 Tage: messerscharf, präzise, kein hämisches Wort gegen die Opfer, aber ein Licht der Aufklärung über Fernseherscheinungen wie Peter Scholl-Latour, der in keiner Talkshow mehr fehlte und Sätze sagte wie: „Schwarmhindukusch, schwarnsaudiarabien, schkennallesweißalles – das Gute an den Anschlägen ist, dass die Spaßgesellschaft zu Ende ist – schwaramhindukusch.“ Weil er am Hindukusch war, hinterfragte kein Journalist mehr seine Thesen. Es verwundert, dass Scholl-Latour damals keine Schullehrbücher für Physik veröffentlicht und die Lottozahlen im Voraus gesagt hat.

Schmidt hielt seinen Höhepunkt gut drei Jahre. Inzwischen hatte er eine Assistentin in die Show eingebaut und zusammen mit Redaktionsleiter Manuel Andrack und Bandleader Helmut Zerlett entwickelten sich Zwigespräche, die besser als jeder gescriptete Talk waren. Legendär sind die Schrottwichtel-Sendungen zu Weihnachten – Wohlfühl-Fernsehen auf hohem Niveau. Dann kam die Pause. Wegen Geld. Schmidt und SAT1 konnten sich nicht über einen neuen Vertrag einigen. SAT1 war nicht die Nummer eins des deutschen Fernsehens geworden, das ohnehin unter der Wirtschaftskrise litt, die auf den elften September folgte.

Wer „Friedhof der Kuscheltiere“ geschaut oder „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ gelesen hat, weiß: Selbst wenn du sie zurück von den Toten holen kannst, es ist nicht mehr das Selbe. Das galt auch für alle weiteren Comeback-Versuche der „Harald-Schmidt-Show“ in der ARD oder bei Sky. Kommerziell aber nicht erfolgreich, erste Liga und doch nicht erfolgreich, von Werten getrieben, aber immer bereit, die auch zu vergessen – das passte zu SAT1, zur Spaßgesellschaft und auch zur Krise nach dem 11. September. Aber nicht zum Öffentlich-Rechtlichen und auch nicht zu einem Bezahlsender. Und schon gar nicht in ein Deutschland, das eine Kanzlerin wählt, solange sie nur verspricht, dass sich nichts verändert.

Schmidt war aus der Zeit gefallen. Masse zu locken – wie bei „Verstehen Sie Spaß?“ – hat er nie gekonnt. Er lebte von seiner Innovationskraft. Die ist längst verlöscht. Also verschwindet er aus dem Fernsehen. Und wer weiß: Wenn Uli Hoeneß nicht ausgerechnet an dem Tag verurteilt worden wäre, hätte es vielleicht auch jemand gemerkt. Andererseits: Beim Doppelpass ist ein Platz frei geworden – nötig hätte die Sendung einen wie Schmidt.