Mir hat Curd Jürgens leidgetan

„Wetten dass“ hat die Deutschen über drei Jahrzehnte begleitet. Die Show hat Zeitgeschichte geschrieben und widergespiegelt. Daraus erwächst natürlich die spannende Frage: Was sagt uns das Aus von „Wetten dass“ über unseren Zeitgeist?

Als „Wetten dass“ 1981 noch frisch war, saßen die prominenten Gäste auf beweglichen Stühlen. Außerdem mussten sie tippen, ob die Wette gewonnen oder verloren wird. Lagen sie richtig, stieg ihr Stuhl in die Höhe. „Wir haben die Stühle dann abgeschafft. Mir hat Curd Jürgens leidgetan, wie er da oben verloren rumsaß“, erzählte Moderator Frank Elstner später und begründete, warum es die Stühle überhaupt gab: „Wir waren das wichtigste Produkt des Senders und uns stand es einfach zu, das teuerste Zubehör zu haben – also kauften wir es.“

Zur Show gehörte anfangs etwas, das damals auch als bahnbrechend galt: der Ted. Ein telefonisches Umfragesystem, mit dem die Zuschauer tippen konnten, ob die Wette geschafft wird. Das Ted-Ergebnis wirkte sich auf den Punktestand der Promis aus: Tippten 90 Prozent der Ted-Zuschauer, die Wette werde gewonnen, aber der Prominente behielt mit dem Gegenteil Recht, dann bekam er die 90 Punkte – und sein Stuhl schoss in die Höhe.

Der Ted, der Wettbewerb der Stars und die Stühle gaben „Wetten dass“ ein festes Korsett. Dass ein Gast vor Ablauf der Sendung ging, war unter Frank Elstner undenkbar. Entsprechend war es denn auch die deutsche Prominenz, die den Cast der 80er Jahre beherrschte. Bieder, deutsch und festen Regeln gehorchend – so war damals das Deutschland der „freien Welt“, die an einer Mauer endete.

Als Thomas Gottschalk 1987 „Wetten dass“ übernahm, befreite er die Show. Die feste Sitzordnung wich einem Sofa, auf dem die Gäste rotierten. Die kamen nun auch mal aus Hollywood eingeflogen und zwitscherten noch vor der Kür des Wettkönigs wieder ab. Das gefiel den Deutschen lange nicht. Das Sofa war Thema in der Boulevardpresse und in zahlreichen Leserbriefen. Die Deutschen vermissten ihre feste Ordnung.

Dann fiel die Mauer. Ein berauschendes Jahr lang bewegte sich auch etwas in den Köpfen der Menschen. Und das freiere „Wetten dass“ war kein Thema mehr. Und Thomas Gottschalk etabliert. Dem Bayer gelang es auch ganz gut, das deutsche Leitmotto: „Allen wohl und niemand weh“ zu verkörpern.

Der Rausch der deutschen Einheit führte dann auch dazu, einen Ostdeutschen auf den Fernsehthron zu hieven: 1992 übernahm Wolfgang Lippert „Wetten dass“. Brav und bieder, wie er war, verkörperte er den Osten, der viel stärker als der Westen preußisch geprägt blieb. Als die Freude über die deutsche Einheit abgeklungen war, war eigentlich auch Lipperts Show-Ende besiegelt. Er gab „Wetten dass“ 1994 wieder ab.

Thomas Gottschalk kehrte zurück und prägte die eigentlich große Epoche der Show: Michael Jackson, der Bundeskanzler, Madonna oder Michail Gorbatschow waren die Gäste. Kritik an den Kosten bügelte Gottschalk angesichts dieser Prominenz souverän ab: „Dunja Rajter muss ich nur das Taxi zur Halle zahlen.“

Zwischenzeitlich versuchte sich Gottschalk in Late Night und holte damit schwächere Quoten als erhofft – wobei sie immer noch weit besser waren, als die von Harald Schmidt. Für „Wetten dass“ wurde Gottschalk indes über den grünen Klee gelobt. Die Kombination aus ungerechter Kritik und übermäßigem Lob bekam Gottschalk nicht. „Wenn alle mich niederschreiben, mache ich alles richtig“, wurde zu seinem Credo. Ein gefährlicher Leitsatz. Denn er lässt keinen Platz für Selbstkritik und daraus hervorgehende, mitunter notwendige Veränderungen.

In der Blüte traute sich kein anderer Sender mehr, am Samstag irgendwas halbwegs Starkes gegen „Wetten dass“ zu setzen. Doch Ende der Nuller-Jahre änderte sich das: „Deutschland sucht den Superstar“, „Schlag den Raab“ oder „Deutschland sucht das Supertalent“ gingen ins Rennen. Und setzen der alten Tante zu. Deren Quoten bröckelten. Bald war die Schallmauer einstelliger Millionenbereich gerissen.