Das Leben ist ein Ponyhof

Unberührte Landschaften, süße Tiere und unbekümmerte Menschen. Die Immenhof-Filme setzen darauf, den Zuschauer den Alltag vergessen zu lassen. Doch im Hintergrund winken noch fleißig die Nazis.

Bis in die 90er Jahre liefen sie im Hauptprogramm, nun sind sie fester Bestandteil der Feiertags-Nachmittage: die drei Immenhof-Filme aus den 50er Jahren. Wie ein Märchen scheinen sie zeitlos zu sein – auf den ersten Blick: Junge Mädchen laufen zur Gymnastik auf den Hof, fahren mit dem Ponywagen durch eine malerische Landschaft und singen fröhliche Lieder vom fröhlichen Leben mit fröhlichen Ponys.

Die Moderne bricht in zwei Gestalten ins Idyll ein: Konkret in der Person des zahlenden Feriengastes Ethelbert Grabenhorst (Matthias Fuchs). Er ist ein Snob aus der Stadt – großkotzig und großmäulig, mondän aber weich, unterm Strich versagt er, was vor allem durch sein häufiges Runterfallen von Ponys illustriert wird. Abstrakt stört die Finanznot die Idylle des Immenhofs. Die märchenhafteste Figur, „Oma Jantzen“ (Margarete Haagen) hat den Gerichtsvollzieher am Hals. Er droht mit der Zwangsvollstreckung.

Dieser Handlungsstrang führt zu der Szene, die am deutlichsten die Nähe zur Nazizeit zeigt: Oma Jantzen wendet sich in ihrer Not an einen Kredithai. Sein Äußeres erinnert an die Judenhetze des Stürmers, er jiddelt und im Hintergrund ist eine Menora zu sehen. Für die damaligen Zuschauer war der Kredithai damit deutlich genug einsortiert. „Mit Menschen wie ihnen möchte ich nichts zu tun haben“, verlässt die gute, märchenhafte Oma Jantzen letztlich empört seinen Laden.

Der Verzicht aufs Individuum, das Eingehen in der Gruppe ist das große Thema des ersten Immenhof-Films. Als er sie zu einem modernen Tanz nötigt, verdirbt es sich Ethelbert mit Dick (Angelika Meissner), die ländlich naiv für den Jungen aus der Stadt geschwärmt hat. Erst nachdem ihm der Aufsteiger Jochen (Paul Klinger) eine Standpauke gehalten hat, wandelt sich Ethelbert vom „eitlen Fatzken“ zum „echten Kerl“. Nun erst zeigen sich seine Talente: Anders als der Schmiedesohn Mans (Peter Trost) kann er schwimmen. Im Gewitter rettet er ein Fohlen, das sich eingeklemmt hat. Und natürlich fällt Dicks Herz ihm jetzt zu.

Einfache ländliche Lebensart statt den Entartungen der Stadt, Aufgehen in der Gemeinschaft statt Pflege des Individuums, Erhalt der Tradition statt kritikloser Übernahme der Moderne. Das ist der Wertekanon der Nazis. Die ideologischen Forderungen aus diesem Wertekanon wie zum Beispiel der Ausschluss bestimmter Gruppen aus der Volksgemeinschaft durften 1955, im Erscheinungsjahr der „Mädels vom Immenhof“, nicht mehr offen propagiert werden. Der nationalsozialistische Wertekanon aber saß noch tief im deutschen Gemüt – und sitzt noch immer, wenn wir uns mal ehrlich machen.

Im ersten Teil der Immenhof-Trilogie spielt der Vertriebenen Hintergrund der Hauptfiguren noch eine wichtige Rolle. Wir erfahren von den herrlichen Ausritten, die Oma Jantzen mit Ethelberts Mutter in den für Deutschland verlorenen ostelbischen Teilen erlebte. Wir erfahren, wie Jochen mittellos und heruntergekommen aus dem Krieg heimkam und nur schwer in eine neue Existenz fand. Die Vertriebenen und ihre Suche nach neuem Lebensmut waren ein übliches und beliebtes Motiv im Heimatfilm der 50er Jahre.

In den beiden nachfolgenden Teilen des Immenhofs gerät dieses Motiv in Vergessenheit. Der 1957 erschienene, letzte Teil, „Ferien auf Immenhof“ bricht denn auch mit dem Sound der ersten beiden Teile. Der Kapitalismus ist nicht mehr das Böse, das das Idyll Immenhof bedroht – der Kapitalismus ist die Chance und die Zukunft des Immenhofs, der zum Ponyhotel geworden ist.

Die „Du bist nichts – Dein Volk ist alles“-Thematik wird nun variiert. Dick will zu ihrem Verlobten, um den Krach mit ihm abzubiegen. Jochen erinnert sie an den Dienstplan, der Dick für die Küche vorsieht: „Mit dem Privatleben ist es nun aus.“ Die Unterordnung bleibt – sie dient nun dem Geschäft. Der Konsens, auf den sich die Deutschen im Laufe des Wirtschaftswunders einstellten.