Nuhr doof

Dieter Nuhr sei kein Satiriker oder Kabarettist. Diese Kritik stammt vom Leiter des Deutschen Kabarettarchivs, Jürgen Kessler. Und er hat Recht: Der Moderator des „Satire Gipfel“ ist nuhr das Sprachrohr der konservativen Entpolitisierung. Mit laschen Wortspielen wie „Nuhr“ statt „nur“:

Wäre Dieter Nuhr ein Kind der Steinzeit, hätte er vermutlich folgendes Gag-Schema aufgegriffen: Feuer? Was soll das denn? Bisher haben wir uns in der Höhle einfach nach hinten gesetzt, wenn es draußen kalt wird. Hinter dem Fluss haben sie nicht mal Höhlen, also brauchen wir auch kein Feuer.“

Zugegeben. Wahrscheinlich hätte Nuhr mehr rausgeholt. Denn natürlich muss jemand auch Qualitäten haben, wenn er im Jahr mehr als 200 000 Zuschauer erreicht, nahezu alle bekannten Preise seiner Sparte geholt hat und gleich mehrere Formate im Fernsehen regelmäßig bedient: Es ist angenehm, seiner Stimme zuzuhören. Nuhrs Worte sind fein gesetzt. Und gut aussehen hat auch noch niemandem geschadet.

Doch der Erkenntnisgewinn aus Nuhrs Programmen bleibt überschaubar. In der Kabaretttradition einer Lore Lorentz oder eines Dieter Hildebrandts steht heute eher Volker Pispers. Wenn der rheinländert kommen die Pointen nicht zu kurz – erkennt der Zuhörer aber auch Zusammenhänge, die er vorher nicht gesehen hat.

Bei Dieter wird nuhr ein Zusammenhang deutlich: Er findet Menschen doof, die an der Welt etwas verändern wollen – vor allem, wenn es zum Guten ist. „Anderswo ist schlimmer, also findet euch gefälligst damit ab“, lautet sein Mantra. Und so lautet dann auch – neben den „Nuhr“-Wortspielen – sein bekanntester Satz: „Manchmal einfach die Fresse halten“.

Zugegeben. Das kann witzig sein. Etwa wenn Nuhr sich über das Bemühen der Berliner Stadtpolitik lustig macht, die es allen sexuellen Orientierungen Recht machen will und öffentliche Toiletten für sexuell Unentschlossene neben die für Frauen und Männer baut.

Zumindest findet der Spießer in einem selbst das lustig. Sowie die innere Stimme, die sagt: Die Welt ist gut, wie sie ist und Änderungen nerven da nur. Wer diesen Spießer nicht in sich hat, sondern ihn nach außen lebt und als Stimme nach innen wie außen nuhr die zu Wort kommen lässt, dass sich nichts an der Welt ändern soll – der bildet die Zielgruppe von Dieter Nuhr. Die unterscheidet sich von der Zielgruppe Mario Barths dadurch, dass sie auch kompliziertere Sätze versteht – und das bereits nach dem ersten Mal.

Doch selbst wenn Nuhrs Pointen mal greifen: Sie spotten nur, Erkenntnis bringen sie keine. An diesen ist seine Zielgruppe auch gar nicht interessiert: Dem Nuhr-Spießer genügt es, in sonorer Stimme betont zu bekommen: Dass alles in Ordnung ist, die anderen doof sind und man selber besser. Kalte Progression? NSA? Finanzkrise? „Anderswo ist schlimmer“, beruhigt Nuhr. Und wer so was bekämpfen will, der ist eh nuhr doof.