Brasilien, nicht das echte

Die ersten Verlierer der Weltmeisterschaft stehen schon fest. Ein ganz besonders peinlicher: das ARD-Morgenmagazin mit seiner Berichterstattung von der Ostsee.

Nahe bei Kiel gibt es den Ort „Brasilien“. Ich fahre jetzt an die Ostsee und erlebe das Finale live in Brasilien. Muhahahahaha. Haben Sie’s? Ich mein, haben Sie’s verstanden? Live aus Brasilien. Aber nicht das Brasilien in Südamerika sondern das an der Ostsee. Mörderpointe, oder? Dieser flache Gag genügt der ARD, um zwei Wochen Berichterstattung daran aufzuhängen und einem großen Team Urlaub an der Ostsee zu ermöglichen.

Jetzt spricht nichts dagegen, trotzdem ganz normale Berichterstattung zu machen. Auch nicht von der Ostsee. Außer Moderator Peter Großmann. Der hat sich auf das Gagniveau eingegroovt. Brasilien, aber nicht das in Südamerika sondern an der Ostsee – Hilfe, ich kann nicht mehr.

Großmann kalauert: Was ist ein typischer deutscher Cocktail? Eine Flasche Bier. Ja, Wahnsinn – wo holt der die immer nur her. Es gibt optische Gags wie Surfbretter, die in Nationalfarben bemalt sind. Und das Wetter ist meist so schlecht, dass die Verantwortlichen des Fremdenverkehrsvereins Plön wahrscheinlich schon Zuflucht zum deutschen Cocktail suchen.

Um das Programm zu strecken, gibt es Interviews mit Urlaubern. Wer in seinem Echtleben  nörgelnden Rentnern erfolgreich aus dem Weg geht, wird im Morgenmagazin mit ihnen konfrontiert: Alte deutsche Männer, mit Bauch, Sandalen und Socken in den Sandalen. Klingt wie ein Klischee? Ist aber so. Zumindest in Brasilien. Also dem an der Ostsee. Das gibt’s nämlich auch. Schon lustig, nicht wahr. Wenn die Rentner mal gut gelaunt sind, scherzen sie ebenfalls. Etwa dass sie als Hobby „die Frau verwöhnen“. Womit auch geklärt wäre, wo die ARD die Zielgruppe für den Brasilien-Scherz sieht.

Nun mag man ja vom Doppelpass auf Sport 1 halten, was man will. Aber die fordern von ihren Talkgästen ein Mindestmaß an Eloquenz. Das tut das Morgenmagazin nicht. Gerald Asamoah analysiert, wenn die Deutschen hinten keinen Gegentreffer kriegen und vorne treffen, können sie gewinnen. Ja, leckt’s mich. Ich hab immer gedacht, erst mal mit 0:12 in Rückstand gehen und dann gegen Schluss unvermutet zuschlagen. Gut, dass es Experten gibt.

Als Foltervideo geeignet ist der Dialog Großmanns und Asamoahs vor dem Vorrundenspiel Deutschland gegen Ghana: Gerald, Du kommst aus Deutschland, hast aber einen ghanaischen Hintergrund, ist das nicht ein Konflikt für Dich? Ja, das ist schon ein Konflikt für mich. Bist Du dann heute Abend ein bisschen für Deutschland und ein bisschen für Ghana? Ja, ich bin so ein bisschen für Deutschland und ein bisschen für Ghana.

Hab ich da jemanden intervenieren hören? Die Öffentlich-Rechtlichen zeigen auch ganz doll viele Dokumentationen und wenn ich das Morgenmagazin nicht sehen wollte, könne ich ja was anderes schauen! Das stimmt. Ich könnt genauso gut auch Urlaub in Brasilien machen. Aber nicht in dem echten…

Nur: Bei dieser Weltmeisterschaft gab es eine echte Lücke, die das Morgenmagazin hätte füllen können: Die Spiele starteten so spät, dass Fans überhaupt nicht oder nicht zu Ende schauen konnten. Ein ordentlicher Block mit Zusammenfassungen hätte den Fans mehr gedient und obendrein Geld für das Kommando nach Brasilien – nicht das echte sondern das an der Ostsee – gespart.

Stattdessen hat das Morgenmagazin nicht alle Spiele pro halber Stunde gezeigt und von den ausgewählten Partien nicht alle relevanten Szenen. Dafür durfte ich erleben, wie Peter Großmann mit Sandalen-Rentnern rumkaspert. Danke auch. Und als Gegenleistung ein kleiner Tipp. Gleich neben Brasilien –also dem an der Ostsee – liegt Kalifornien. Ich seh schon, wie die ARD von dort die nächste Präsidentenwahl überträgt.