(K)eine Spießerfantasie

Entführungen, computergestützte Fahndungsaktionen mit Straßensperren, Hubschraubereinsätzen und Massenvisitationen, letztlich Morde und Selbstmorde – der September und Oktober 1977 ist als „Deutscher Herbst“ in die Geschichte eingegangen. Synonym ist von „Der bleiernen Zeit“ die Rede. Ausgerechnet in diesen Wochen sendete das ZDF eine seiner leichtesten Serien. Selten sahen die Lerchenberger so jung aus wie mit „Drei sind einer zuviel“.


Charlotte stammt aus Montabaur, ist Anfang 20, arbeitet für die Töpfer-Manufaktur ihres Onkels und geht für diese auf Vertreter-Tour durch Bayern. Auf einer versnobten Studentenparty in München lernt die junge Frau den angehenden Lehramts-Assistenten Peter. Es funkt – ohne dass „es“ passiert.
Nach einigem turbulenten Chaos fährt sie ihn am nächsten Morgen in den Bayerischen Wald, wo Peter seine erste Stelle an einer Schule antritt. Vor Ort lernt sie Benedikt kennen, einen gescheiterten Architekten, der sich auf einen geerbten, heruntergekommenen Bauernhof zurückgezogen hat. Charlotte bringt Peter dazu, bei Benedikt einzuziehen – und besucht die beiden so regelmäßig, dass die Verhältnisse auf dem Bauernhof von Außenstehenden als Menage a trois wahrgenommen werden.
Die Wohngemeinschaft ist für die breite Masse der 70er Jahre noch etwas Anrüchiges und wird mit der Kommune 1 der 68er Zeit verbunden. Also genau mit jenen linken Aufständigen, die nun den Terror üben. Zur gemischten Wohngemeinschaft gehören für die Spießerfantasie untrennbar auch sexuelle Ausschweifungen – jeder darf mit jeder und jedem.
So stoßen die zwei Männer und eine Frau in der bayerischen Provinz denn auch auf Misstrauen. Doch was im Autorenfilm jener Tage als zähe Tragödie daher käme, gelingt dem ZDF als leichte Komödie. Wie für diese Gattung üblich werden in der Serie, deren 20 minütigen Folgen donnerstags im Vorabend-Programm laufen, gesellschaftliche Widersprüche aufgehoben.
Das funktioniert zum einen, in dem die drei sich – fast unrealistisch – brav verhalten. Sex gibt es keinen, bis am Ende die Drei-Beziehung in eine ordentliche Zweier-Beziehung mündet. Charlottes Entsexualisierung geht soweit, dass sie trotz Röcken und Lederstiefeln als „Karlchen“ bezeichnet wird. Aber auch die bayerische Provinz ist nicht so schlimm, wie es der linke Spießer gerne malt: Die Menschen helfen sich, springen in Not-Situationen auch mal über ihren Schatten und akzeptieren letztlich, dass da vor ihren Toren drei junge Menschen (erstmal) einen anderen Weg gehen.
Die Konflikte, welche die drei erleben, sind überschaubar. Die Handlung präludiert vor sich hin. Die Form beziehungsweise die Aufhebung der Form ist Teil der Aussage. Locker und leicht sind die Attribute von „Drei sind einer zuviel“. Sympathisch ist ein anderes Attribut. Es macht einfach Spaß den charismatischen Hauptdarstellern Jutta Speidel, Thomas Fritsch und Herbert Herrmann zuzusehen. Für Letzteren wird die Serie zum Durchbruch. Er gewinnt in dem Jahr den Goldenen Otto der Jugendzeitung Bravo.
Wobei aus heutiger Sicht vermeintlich wenig genügt, um aus damaliger Sicht gewagt zu sein: So spielt eine Schaufenster-Figur, Herr Müller-Mallersdorf, immer wieder eine Rolle in „Drei sind einer zuviel“. In einer Folge wird er von Lausbuben entführt und wieder zurückgebracht – während im echten Leben Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer von der RAF gefangen gehalten wird.
Noch fünf Jahre später hat die ARD zwei Folgen der zweiten Staffel von Dallas aus dem Programm genommen, weil in diesen Entführungen thematisiert wurden. Der Deutsche Herbst wirkte nach.