Perle aus dem Giftschrank

Sie gehört zu den Perlen des deutschen Fernsehens – und lag trotzdem fast 30 Jahre im Giftschrank des ZDF: die Fernsehserie „Tod eines Schülers“. In sechs Folgen wird dargestellt, wie es zum Selbstmord eines Abiturienten gekommen ist – jeweils aus einer anderen Perspektive.

 

Robert Stromberger ist der Urvater des Realismus im deutschen Fernsehen. Der Darmstädter Autor wurde berühmt als Schöpfer der Serien „Die Unverbesserlichen“ und „Diese Drombuschs“. 1981 sorgte er mit „Tod eines Schülers“ für einen Skandal im deutschen Fernsehen. Zu einer Zeit, in der in deutschen Kinos Filme von Bud Spencer oder von Didi Hallervorden hoch im Kurs standen.

Wobei das Wort „Skandal“ unfair ist. Denn Stromberger und Regisseur Claus Peter Witt lieferten eine Qualität ab, wie sie im deutschen Fernsehen selten gesehen war – und heute auch kaum zu sehen ist. Das Skandalträchtige rührt vom Inhalt her, an den sich die beiden wagten. Elternverbände liefen Sturm und legten Statistiken vor, wonach 1981 und 1982 nach Erstausstrahlung beziehungsweise Wiederholung von „Tod eines Schülers“ jeweils die Rate an Selbstmorden im Schienenbereich gestiegen sei.

Einen solchen Selbstmord begeht Till Topf alias Claus Wagner, die Hauptfigur in „Tod eines Schülers“: Nach dem Darmstädter Heinerfest wirft er sich vor eine S-Bahn. Die sechs Folgen gehen den Fragen nach, wie es zu dem Schritt kam und wen eine Schuld daran trifft.

Aus der Reihe fällt die erste Folge. In dieser ermitteln die zuständigen Polizisten den Fall und zeigen damit eine Perspektive auf, wie die Geschichte von Claus Wagner verstanden werden kann. Die fünf weiteren Episoden beginnen jeweils auf der Beerdigung mit der Rede des Pfarrers, der nach Schuld und Ursache fragt. Die Kamera verharrt zum Ende der Sequenz auf denen, aus deren Sicht die Folge gezeigt wird.

Zu sehen sind die Geschichte der Mitschüler, der Freundin, der Lehrer, der Eltern und die von Claus Wagner selbst. So anklagend die Worte des Pfarrers zu Beginn auch sind, so verständnisvoll gehen die Macher im Spielverlauf auf die Motive der Beteiligten ein. Durch die Betonung der Perspektiven und das Nacheinander der Perspektiven entsteht ein klares Bild über die Konflikte, in denen sich die Handelnden befinden.

Wie das funktioniert, zeigt exemplarisch eine Szene, in welcher der Vater (Günter Strack) das familienbetriebene Gasthaus renovieren will: In der Eltern-Episode ist der Frust des um seine Existenz kämpfenden Klein-Unternehmers gut nachvollziehbar, der darum kämpft, das kleine Vermögen für seinen Sohn zu erhalten. In der der Freundin gewidmeten Episode sehen wir, wie das Helfen bei der Renovierung den von Lärmstress geplagten Claus Wagner auch noch um seine letzte Freizeit bringen würde.

Solche Perspektiv-Wechsel machen „Tod eines Schülers“ immer noch sehenswert, auch wenn mittlerweile die Farben verblassen und einige Hintergründe überholt sind: In Zeiten des Fachkräftemangels muss Schülern vermutlich erst erklärt werden, warum Altersgenossen 30 Jahre zuvor sich sorgen mussten, ob sie die Vorgaben des Numerus Clausus einhalten. Auch gerät Wagner in Konflikte, weil er sich einerseits solidarisch verhalten soll – andererseits Mitschüler sich in den entscheidenden Momenten ihm gegenüber nicht solidarisch verhalten.

Fünf Folgen beginnen – nach der jeweiligen Beerdigungs-Sequenz – mit einer vitalen, frohen und optimistischen Hauptfigur. Sodass beim Zuschauer die Frage aufkommt, wieso um alles in der Welt eine solche Figur sich das Leben nehmen sollte? Doch Druck und Frustration, die sich aus der Handlung aufbauen, machen die Entscheidung durchaus plausibel. Eine Schwäche der Serie ist allerdings, dass es durchaus auch Ausgänge für Claus Wagner gegeben hätte. Diese aber mitunter in der Darstellung vernachlässigt werden.

Um die aufgeregten Eltern vor dem Fernseher zu beruhigen, half es dann auch nichts, dass nach den Wiederholungen ein Wissenschaftler das Geschehene einordnete. Die Serie verschwand im Giftschrank. Erst 2009 zeigte das ZDF sie wieder und veröffentlichte die sechs Folgen inklusive der Kommentare des Wissenschaftlers auf DVD. Heute sind sie alle auf Youtube frei abrufbar.