Befindlichkeit

Die Deutschen sind sensibel. Zumindest glauben das die TV- und Filmemacher hierzulande. Denn in den Synchronisationen wird oft das verändert, was unseren Nationalstolz kränken konnte.

 

 

Stark ausgeprägt war diese Tendenz in den 50er Jahren. Die damals jüngste Vergangenheit war tabu. Also wurden die Geschichten aus Hollywood über die Synchronisation verändert. Etwa in Hitchcocks „To catch a Thief”. In der deutschen Version, “Über den Dächern von Nizza”, wird nicht richtig deutlich, warum der verurteilte Serieneinbrecher John Robie (Cary Grant) begnadigt und auf Bewährung entlassen wurde. Im Original erzählt Robie es Danielle Foussard (Brigitte Auber) auf der Bootsfahrt: Zusammen mit seiner Bande hat Robie für die Alliierten im Krieg spezielle Kommandos gegen die Wehrmacht durchgeführt.

 

Ein anderer Fall von Kompromissen gegenüber dem deutschen Publikum hat die Geschichte von Hollywood beeinflusst: Der Film „Stalag 17“ handelt von amerikanischen Soldaten, die in einem deutschen Gefangenenlager auf das Ende des Zweiten Weltkriegs warten. Den Deutschen ist es gelungen, einen Spion einzuschleusen, der vor allem bei Ausbruchversuchen rechtzeitig Alarm schlägt.

 

In der deutschen Synchronisation sollte aus dem deutschstämmigen Verräter ein Pole gemacht werden. Doch Regisseur Billy Wilder wehrte sich vehement dagegen. Wilder ist auf dem Gebiet des heutigen Polens geboren worden und verlor viele Familienmitglieder, auch seine Mutter, im Holocaust. Die Polen seien Opfer der Nazis gewesen, sie zu Tätern zu machen, sei nicht akzeptabel, argumentierte Wilder.

 

Zwar setzte sich Wilder durch. Doch eine von ihm geforderte Entschuldigung seines Studios, der Paramount, blieb aus. Wilder drehte nie wieder einen Film für die Paramount und war an der Reform der United Artists vom reinen Verleih hin zum Studio beteiligt. In der Folge produzierten die United Artists große Werke wie „Einer flog über das Kuckucksnest“, „Rocky“ oder „Der Stadtneurotiker“.

 

Einen der herbsten Kompromiss-Eingriffe erlebte vermutlich „Casablanca“: Als der damals schon zum Klassiker gewordene Film 1952 in die deutschen Kinos kam,  wurde die Geschichte um den Widerstand gegen Nazis umgeschrieben: Victor László (Paul Henreid) war nun ein norwegischer Atomphysiker und Major Strasser (Conrad Veidt) wurde ganz hinaus geschnitten – ebenso wie das legendäre Gesangsduell zwischen deutschen Besatzungssoldaten und Gegnern des Nazi-Regimes. Später entstand eine ungekürzte, werkgetreu übersetzte Fassung, welche die ARD 1975 zum ersten Mal ausstrahlte.

 

Die Zeit heilt Wunden, heute muss das deutsche Publikum nicht mehr geschont werden? Irrtum. In der Serie Malcolm Mittendrin gibt es die Figur des Hoteliers Otto. Ein über alle Maßen geduldiger und großzügiger Mensch, eine Parodie auf den deutschen Sozialstaat. In der deutschen Synchronisation wurde aus Otto ein Däne.

 

In der Serie „Community“ kommen in zwei Folgen deutsche Gaststudenten vor. Die Anspielungen auf das Dritte Reich wurden in diesen in der Synchronisation nicht beschönigt. So sagt die Figur des Jeffs (Joel McHale) in einer Szene: „Gib den Deutschen etwas Kleines wie Polen und sie wollen bald etwas Großes wie die Welt.“ Aber in einer Szene im Geschichtsunterricht kommt das Zitat „Geschichte schreibt der Sieger“ vor. Nur im englischsprachigen Original wird zugeordnet, von wem das Zitat stammt: von Adolf Hitler.