Das Kind des Anti-Kohls

In den 80er Jahren gab es zwei große Paare im Fernsehen. Das eine waren Schwester Christa und Professor Brinkmann. Deren Beziehung verlieft recht straight: In Folge acht wurde zum ersten mal geschnackselt, in Folge 13 geheiratet. Später hätte Christa mal die Chance gehabt, eine anerkannte Forscherin zu werden. Aber dann wäre sie zu oft zu weit weg von ihrem Mann gewesen. Deswegen verzichtete sie drauf. Auch wenn ihr Gewissenskampf fast eine ganze Folge dauerte.

Das andere Paar waren Hans und Helge Beimer. Er war Sozialarbeiter, sie Bankangestellte, die aber wegen der drei Kinder auf ihren Beruf verzichtete. Im Geschlechterverhältnis ähnelten sich beide Paare also durchaus. Nur sozial unterschieden sie sich: Während die Brinkmanns auf einem weitläufigen Gelände im Wald lebten, hausten die Beimers in einem Mietshaus in München.

Es war eine sozialdemokratische Art von Idyll: Hausmusik im Wohnzimmer, der Traum vom Eigenheim auf dem Land und die gemeinsam erlebten Nöte, etwa wenn der Nazi-Onkel über Weihnachten einzieht. Doch es machte ein wenig den Eindruck, als ob Lindenstraßen-Gott Hans W. Geißendörfer dieses Idyll nur geschaffen hat, um es wieder zerstören zu können.

In der zweiten Staffel tritt Anna Ziegler auf, es kommt zur Sommeraffäre mit Hans, zur Trennung des Vorzeigepaars und schließlich zur Scheidung. Die Deutschen nehmen das nicht so ohne weiteres hin. Es gab Proteste und offene Anfeindungen gegen die Anna-Darstellerin Irene Fischer.

Doch Geißendörfer zog durch und Hans tauschte das Muttertier Helga gegen die emanzipierte Anna aus. Es passte in Geißendörfers Schema: Die Lindenstraße startete 1985, Mitten in der konservativen „geistig-moralischen Wende“, die der damals noch frische Kanzler Helmut Kohl ausgerufen hatte.

Das Land war friedensbewegt und wohlhabend. Obwohl die Serie in einem Münchener Mietshaus spielte, waren hohe Mieten daher lange kaum ein Thema. Und auch andere soziale Themen bespielte Geißendörfer nur zaghaft. Die Figur der Gaby war zwar industrielle Näherin, doch deren schlechte Bezahlung und harten Arbeitsbedingungen bearbeitete die Serie in einer Oberflächlichkeit, die nicht übers Klischee hinaus kam.

In die Tiefe ging die Handlung dafür bei den gesellschaftspolitischen Themen. Damit sorgte die Lindenstraße in der konservativen Kohl-Ära für Schlagzeilen: der erste Kuss zweier Homosexuellen im Fernsehen, der erste Aids-Tote, der Umgang mit einem Schwerbehinderten, die Adoption eines ausländischen Kindes, eine Drogensüchtige in der Methadontherapie, die Beziehung eines alten Mannes zu einer jungen Frau oder eben die Scheidung eines Familienvaters.

Geißendörfer war der Anti-Kohl. Er verfolgte eine linksliberale Agenda: Und in der Lindenstraße ging das immer gut. Die wenigen konservativen Figuren der Serie waren böse und zum Scheitern verurteilt: der Nazi-Onkel Franz, die Hausmeisterin Else Kling, deren Name zu einem stehenden Begriff für Hausdrachen wurde oder ihr verklemmter Sohn Olaf. Die Botschaft der Serie lautete, wenn sich nur alle mögen, wird alles gut.

Der Anfang vom Ende der Lindenstraße war das Jahr 1998 und der Wechsel von einer bürgerlichen auf eine rot-grüne Bundesregierung. Diese setzte gesellschaftliche Reformen um oder schob sie zumindest an: Die Legitimierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen, die Emanzipation der Frauen, die Verbesserung der Situation Drogensüchtiger oder die Inklusion Behinderter.

Die Welt veränderte sich im Sinne Geißendörfers. Aber das nahm seinem Kind den Lebenszweck: Ein Kuss zweier Männer war kein Skandal mehr, sondern das Schauspiel zweier Schauspieler.

Und man merkte es der Serie auch an. Die Luft war raus, Erzählmuster wiederholten sich und die politische Botschaft wurde zunehmend weniger szenisch dargestellt. Jetzt saßen ein Taxifahrer und ein Handwerker vorm Radio, hörten einen Beitrag über Atomenergie und fachsimpelten danach über das Thema. Harald Schmidt fasste diese oberflächliche Inszenierung politischer Botschaften in dem Scherz zusammen: „Die spannendste Frage am Wahlabend lautet, wer in der Lindenstraße den Fernseher einschaltet.“

Seit 2020 ist die Lindenstraße mehr Gewohnheit als Unterhaltung. Das Ende ist traurig. Aus dem Blickwinkel der Melancholie. Aber aus dramaturgischer Sicht längst überfällig. Vielleicht gehören aber die Wiederholungen der Lindenstraße um Weihnachten herum mal genau so zum festen Repertoire wie die Wiederholungen der Schwarzwaldklinik.