Ein Stück Kulturgeschichte

Das ZDF erinnert an diesem Samstag gleich zweifach an seine einstige Marktführerschaft in Sachen Unterhaltungs-Fernsehen: Thomas Gottschalk präsentiert ab 20.15 Uhr die große Show zum Jubiläum der Hitparade, danach folgt eine „Kultnacht“.

 

Wer eine Kulturgeschichte der Bonner Republik schreiben will, wird an der ZDF-Hitparade nicht vorbei kommen. Unter Moderationslegende Dieter Thomas Heck hat sie den Zeitgeist perfekt widergespiegelt – wenn nicht gar maßgeblich geprägt. Von den biederen Anfängen 1969 bis zum Übergang in die Zeit des vereinten Deutschlands.

 

Es muss live gesungen werden. Zugelassen sind nur deutsche Texte. Der Auftritt darf nicht länger als drei Minuten dauern. Strenge Regeln herrschten in der ZDF-Hitparade. Eine Generation nach der Nazizeit gab es nicht allzu wenige in Deutschland, die eben das gut fanden. Und drauf drängten, dass die Regeln auch eingehalten wurden. Gab es Verstöße, konnte sich die Redaktion der Beschwerdeanrufe sicher sein.

 

Die Musik war mehr als ein Jahrzehnt lang so, wie sich das Gründervater Heck wünschte: bieder, deutsch. Gruppen waren nicht zugelassen. Der Klassiker war der Sänger im Anzug oder die Frau im Abendkleid, die sich steif an ihr Mikrofon klammerte und lossang. Nur die futuristische und an allen Enden glitzernde Kulisse war ein echter Hingucker.

 

Die Hitparade war Teil des Kalten Krieges. Ausgestrahlt wurde sie in Berlin. Kein Zufall. Es sollte an den westdeutschen Anspruch auf mindestens die Hälfte der Stadt erinnert werden. Und Heck, der privat auch Wahlwerbung für die CDU machte, baute Mauer und Besatzungsstatus immer wieder in die Sendung ein.

 

Doch mit der Zeit wurde Deutschland lockerer. Die Hamburger Country-Band Truck Stop setzte sich demonstrativ als Besucher ins Publikum. Kurz darauf wurde das Gruppenverbot aufgehoben. Erst lockerten Spaß-Combos wie die Gebrüder Blattschuss die Atmosphäre auf, dann kam die Kultur-Revolution.

 

Diese Kultur-Revolution hörte auf den Namen „Neue Deutsche Welle“. Dada-Bands wie Trio oder Hubert Kah drängten in die Show – und gewannen in aller Regel das Publikums-Voting. Die Dauerstars der Hitparade wie Roy Black, Rex Gildo oder Howard Carpendale sahen neben ihnen auf einmal alt aus.

 

Auch neben Nena. Ihr Auftritt im roten Mini und mit unrasierten Achselhaaren wurde zur Ikone der 80er Jahre. Heck machte gute Mine zu dem Spiel, das er nicht mochte. Und dem er nicht viel entgegen zu setzen hatte. Die Konservativen unter den Hitparade-Machern führten nur noch letzte Rückzugsgefechte. Etwa als sie Fräulein Menke verboten, in einem Brautkleid aufzutreten – und als sie darauf bockig wurde, mit einer absichtlich miesen Beleuchtung bestraften.

 

Kurz darauf gab Heck die Show ab. Viktor Worms und Uwe Hübner führten sie weiter – und in die Bedeutungslosigkeit. Bald darauf durfte auch Englisch gesungen werden, was den Weg für Dieter Bohlen und seine Ableger a la C.C. Catch frei machte. Doch spätestens in den 90ern war die Hitparade kein Faktor mehr und RTL der Marktführer in Sachen Unterhaltung.

 

Das ZDF scheint das zu wissen. In der großen Show um 20.15 Uhr treten Stars wie David Hasselhoff, Bonnie Tyler oder Matthias Reim, die eigentlich nicht zur Blütezeit der Hitparade gehörten. Um 1 Uhr aber beginnt eine „ZDF-Kultnacht“ mit Konserven. Die Auswahl beschränkt sich dabei auf die Jahre 1978 bis 1984, der Epoche, in der die Hitparade die Kulturgeschichte der Bonner Republik mitschrieb. Dann ist auch Nena zu sehen.