Als RTL noch Herz hatte

RTL ist eine zynische und herzlose aber funktionierende Medienmaschine. In den Anfängen war das nicht so. Gerade im ersten Jahr lebte der damals in Luxemburg sitzende Sender medialen Anarchismus aus.
Die erste Erfolgssendung von RTL war das Testbild. Als Fernsehsender waren die Luxemburger noch vielen suspekt – als Radiosender eine Marke. Da der Ton des Radiosenders dem Testbild hinterlegt war, hatten Kabelempfänger in Hannover erstmals die Chance, den Sender zu empfangen, der deutlich innovativer als die öffentlich-rechtlichen Radioformate jener Tage war.
Die Herkunft vom Radio merkte man dem Fernsehsender in seinem ersten Jahr, 1984, auch an. Als Moderatoren fuhren die Luxemburger einfach ihre Radiostars wie Hans Meiser, Hugo Egon Balder oder Jochen Pützenbacher auf. Die Programmstruktur war ebenfalls an den Hörfunk angelehnt: Ein Moderator führte durch den Tag. Anders als bei den Öffentlich-Rechtlichen sagte der aber nicht nur Programmpunkte an, sondern spielte bei Zuschauerquiz oder Interviews eine aktive Rolle.
Gleichzeitig mit RTL hatte Leo Kirch SAT1 gestartet. Der damals in Ludwigshafen angesiedelte Sender war klar im Vorteil: Viele Filmrechte lagen bei Kirch. Genau diese fehlten RTL. Deswegen mussten die Luxemburger im ersten Jahr oft mehrmals am Tag das Programm umstellen – Filme ansagen, wieder absagen, andere vorstellen und diese dann wieder zurückziehen.
RTL machte den Nach- zum Vorteil, das Chaos zum Programm. Die Moderatoren waren so kreativ, wie der Sender später nie wieder sein durfte. So wurden Kultstars geboren. Etwa das Duo Matti und Björn. Krings und Schimpf spielten sich wie im Radio die Bälle zu, waren spontan, witzig und rührend. So spielten sie eine Nummer, bei der Zuschauer anriefen und sich von Krings-Schimpf ein Horoskop sagen ließen. Die beiden verballhorten ihre Kundschaft, bis ein Mädchen anrief, das vor einer gefährlichen Operation stand. Die beiden legten den Schalter um und nahmen der Kleinen einfühlsam die Ängste. Kult war ihr „Lied für Gisela“, das sie jeden Abend zum Programmschluss sangen.
200 000 Menschen erreichte RTL seinerzeit – vornehmlich Antennenempfänger im Saarland. Einen durchschnittlichen Marktanteil von 0,4 Prozent verbuchten die Luxemburger damit im Gründungsjahr 1984. Neben dem Testbild war die Serie „Bernie“ ein erster Erfolg. Ein Bernhardiner rettete in den Schweizer Bergen Menschen das Leben.
Eine weitere Kultfigur war die Puppe Karlchen, in deren Bauch Schimpf den Arm hatte. Mit frecher Kodderschnauze kommentierte Karlchen, was die Nachrichtensendung Sieben vor Sieben gemeldet hatte. Die Botschaften waren für jene Zeit so subversiv, dass  sich Edmund Stoiber in Bayern Sorgen um ein Abdriften von RTL nach Links machte.
Die Werbung wertete RTL mit der Comicfigur „Gaudillo“ auf, die am Anfang und Ende jedes Blocks zu sehen war. Der wilde Mann saß alleine auf seinem Planeten und beobachtete eine attraktive Dame auf dem Nachbarplaneten. Seine Versuche Rüberzumachen scheiterten alle so kläglich wie Cojetes Jagd auf Roadrunner. Auch beliebt: Das Videoquiz, bei dem Zuschauer aus dreien die richtige Videokassette aussuchen musste.
Der Durchbruch für RTL war die Serie Knight Rider mit dem Wunderauto KITT. Davon später mehr.