Mit Tutti Frutti an die Spitze

Zu Beginn der 90er mischte RTL die deutsche Fernsehlandschaft auf. Innovative Formate lieferten Topquoten. Dabei lagen die Luxemburger immer im Trend – und geschmacklich manchmal daneben.

Der Aufstieg von RTL ist mit Filmtiteln verbunden, die Cineasten der ganz besonderen Art ansprechen: „Auf ins blaukarierte Himmelbett“, „Beim Jodeln juckt die Lederhose“ oder „Graf Porno bläst zum Zapfenstreich“ gehören zu Streifen, die Amazon.de liebevoll unter der Rubrik „Erotik-Classics“ führt. Auf RTL gehörten Filme dieser Machart Ende der 80er Jahre zu den ersten Quotenbringern.

Doch so plump war die Aufholjagd von RTL auf die seinerzeit marktführenden Öffentlich-Rechtlichen nicht immer. Der damalige Programmdirektor hatte intern das Motto ausgegeben und wie ein Mantra wiederholt: „Macht’s, was ihr wollt – nur kosten darf es nichts.“ Mit dieser Greencard in der Hand trauten sich die Redakteure, Formate zu entwickeln, die die deutsche Senderlandschaft revolutionierten.

Sex war dabei eine Erfolgszutat. 1987 ging mit „Eine Chance für die Liebe“ erstmals ein Erotik-Ratgeber in Deutschland auf Sendung. Erika Berger beantwortete Fragen wie: „Wie kann ich meinem Mann den Nähmaschinen-Rhythmus abgewöhnen?“ Die gebürtige Münchnerin blieb dabei immer Lady mit vornehm übereinander geschlagenen, in Strumpfhose gehüllten Beinen – selbst als sie von Hape Kerkeling während laufender Sendung gefoppt wurde.

Weniger vornehm war das Format „Tutti Frutti“, das RTL aus Italien übernommen hatte. Moderiert wurde es von Hugo Egon Balder, der Anfang der 80er auf Radio RTL durch das Mittagsmagazin bekannt wurde – und für damalige Verhältnisse extrem frech war. Die Regeln von Tutti Frutti waren einfacher, als es die Legende überliefert: Ein Kandidat und eine Kandidatin mussten dümmliche Spiele bestreiten und erhielten dafür Länderpunkte. Für 8000 Länder- gab es einen Europunkt. Verbessern konnten die Kandidaten ihr Konto, indem sie strippten. Andererseits: Die Regeln und der Wettbewerb waren eher weniger das Wichtige an Tutti Frutti – sondern die Erotik. Wobei es schwer fällt, von Erotik zu sprechen, da die meisten Strips weniger wie Tabledance aussahen – sondern mehr wie Fleischereifachverkäuferin in der Rheumatherapie.

Ein wichtiger Begleiter auf dem Weg nach oben war für RTL der Sport – vornehmlich die Fußball-Bundesliga. 1988 kauften die Luxemburger die Rechte auf und die ARD-Sportschau musste sich eine Zeit lang mit Ergebnistafeln samt Standbildern von den Partien behelfen. RTL versuchte Fußball mit Show-Elementen zu verknüpfen und auf dem 20:15-Sendeplatz zu etablieren. Beides scheiterte. So blieb das Format „Anpfiff“ defizitär. Aber immerhin: Insgesamt half es RTL, Menschen zum Anschaffen eines Kabelanschlusses zu bewegen – und mit Ulli Potofski gingen ein Kult-Moderator und eine Kult-Frisur in die TV-Geschichte ein. Böse Zungen behaupten, Atze Schröder würde noch heute die Perücke des Schalke-Fans Potofski auftragen.