Der Schurke steht wieder auf

Drehbuchautoren stehen jedesmal vor der Aufgabe, Ungesehenes zu kreieren. Manche entziehen sich aber der Aufgabe und präsentieren uns Schema, die so abgegriffen sind, dass sie nur noch als Parodie funktionieren - etwa wenn der totgeglaubte Schurke nochmal hochspringt. Die Dramaturgen quälen uns noch mit manch anderem.

Kömödien Gebot Nummer eins

Verliert jemand in einer Komödie seine Brille, muss ein anderer sie beim Suchen zertreten.

Im Casting gewinnt der Letzte

Veranstaltet wer ein Casting, so haben die ersten Kandidaten durchzufallen. Idealerweise müssen sie so schrullig sein, dass klar wird: Die können es nicht werden und so ein Casting ist schon eine Sache, die schief gehen kann. Der Gewinner darf sich erst als Letzter vorstellen. Dieser Überraschungseffekt wird noch mal rasant gesteigert, weil der letzte Bewerber erst kommt, wenn das Casting eigentlich schon vorbei ist.

Gib mir den Schatz

Auf die Gib-mir-den-Schatz-Handlung hat kein Frühwestern verzichtet. Sie läuft nach einem klaren Schema ab: Held hat etwas, das der Schurke will. Schurke nimmt jemand als Geisel, in der Regel die Braut des Helden. Schurke fordert Held zum Austausch aus. Held zögert, Braut rät vom Austausch ab, Held geht trotzdem drauf ein. Doch der Schurke erinnert daran, warum er als solcher bezeichnet wird: Er nimmt den Schatz, behält dennoch die Geisel und flüchtet. Auf der nun anstehenden Verfolgungsjagd rückt der Held die Dinge wieder ins rechte Lot. JK Rowling thematisiert in „Der Orden des Phoenix“ dieses Klischee, parodiert es, hebt es auf und macht es unmöglich. Im Film schert Regisseur David Yates diese Kritik nicht. Er zeigt die Gib-mir-den-Schatz-Szene genau so, als würde er Western der 50er Jahre drehen.

Such einen Sieger

Die Bären tun’s. Und selbst Bud Spencer hat’s getan, um mit seinen Neapolitaner Straßenjungs das Footballmatch gegen das US-Army-Team zu gewinnen. Wenn ein schwaches Team sich auf ein aussichtsloses Match einlässt, muss es sich einen Crack suchen, mit dem es die Partie trotzdem für sich entscheiden kann. Allerdings fordert die Dramaturgie, dass der Crack aus irgendeinem Grund nicht an dem Duell teilnehmen kann oder will. Die Bären sprechen als Crack die Tochter des Trainers Buttermaker an. Doch der hat sie so vernachlässigt, dass sie mit ihrem Daddy nichts mehr zu tun haben will. Am Ende werden die aussichtslosen Matches gewonnen, wozu die dazu gewonnen Spieler Entscheidendes beitragen. Außer bei „Sie nannten ihn Mücke“. Da holt Spencer den entscheidenden Punkt einfach selbst und alles davor, war nichts als Geplänkel. Gut, in Bud-Spencer-Filmen ist noch nie jemand gesichtet worden, den die dramaturgische Logik dorthin geführt hat.

Der Dialog im Gehen

Im amerikanischen Kino hatten Dialoge schon immer einen schweren Stand gegen Stunts, Special Effects oder Drei-D-Animationen. Deswegen quetschen Drehbuchautoren seit jeher jede Wendung aus Gesprächssituationen, auch wenn der Zuschauer über den dramaturgischen Kniff nur noch lächeln kann. Beim Dialog im Gehen ist das so: Zwei unterhalten sich, einer geht, der andere sagt: Warte. Dann folgt der eigentlich bedeutungsschwere Moment des Dialogs. Zumindest so bedeutungsschwer, wie der Drehbuchautor kann oder die Zielgruppe es aushält. Bei Unser Charly im ZDF gesehen: „Warte!“ Ja?“ „Einen schönen Abend!“ „Danke.“

Der tote und dann wieder aufstehende Schurke

Der Gute erlegt den Bösen. Großaufnahme. Situation scheint bereinigt. Der Böse springt wieder ins Bild. Nach einigem Hin und Her siegt der Gute. Unter den ausgelutschten Effekten ist der Wieder-aufstehende-Schurke der am stärksten ausgelutschte Effekt.

Stellvertreter-Siege

„Wenn wir diese Information erhalten, entscheidet sich der Kalte Krieg für uns...“ Hat der Zuschauer diese Prämisse akzeptiert, funktioniert der Film. Die Information erhalten zu wollen, rechtfertigt jedes Handeln der Darsteller. In Der Dritte Mann mutet Hitchcock seiner Hauptdarstellerin zu, eine Lebensgemeinschaft mit dem Oberschurken zu führen und ihn sogar bis nach Europa zu begleiten. Warum? Wegen welcher Information noch mal gleich? Erfahren wir nicht. Die Hatz nach dem Band, auf dem sie hinterlegt ist, funktioniert dennoch oder gerade deswegen. Am absurdesten treibt diese Stellvertreter-Situation der Film „Flucht oder Sieg“. Sylvester Stallone und andere Kriegsgefangene stehen vor der Wahl: Fliehen oder Siegen in einem Fußballspiel gegen die deutsche Nationalmannschaft, um deren Propagandaerfolg zu unterlaufen. Man stelle sich die Situation im echten Leben vor: Nürnberg, 1944, Kaschubkes sitzen auf der Veranda und lesen den Völkischen Beobachter: Wir haben im Fußball gegen Kriegsgefangene verloren. Jetzt reicht’s aber mit dem Hitler. Auf zur Revolution! Überraschenderweise gewinnen und fliehen die Mannen in Flucht oder Sieg gleichzeitig.