Nervige Menschen

Manche Menschen kennt man, ohne sie zu kennen. Sie erfüllen Rollen mit einer einzigen Funktion: Einem auf die Nerven zu gehen. Sei es, weil sie einen in Zug mit Wummermusik beschallen oder auf Partys fachkundig über Wein plaudern. Heute: Der Bürohonk.

Der Musiktrottel, Teil I, in der Bahn

Ruhe liebende Zugreisende erkennen die Gefahr schon aus dem Fenster auf dem Bahnsteig stehen. Der Musiktrottel steht dort und ist an der bemüht trendigen Kleidung ebenso zu erkennen wie an dem bemüht trendigen Blick. Wobei Letzterer nicht funktioniert. Tatsächlich schaut der Musiktrottel ein wenig beleidigt drein, ein wenig gelangweilt und ganz viel doof. Die Welt ist nicht so cool wie er und interessiert ihn deshalb auch nicht.

Ein Buch zu lesen, sich also mit anderen beschäftigen, kommt dem Musiktrottel genau so wenig in den Sinn, wie Rücksicht auf die zu nehmen, die etwas so derart Überflüssiges tun. Der Musiktrottel hört drei Arten von Musik: Hip Hop, Heavy und ähnliches Metal oder Discopop mit besonders starkem Einsatz der Bassdrums.

Schaltet der Musiktrottel die Musik ein, ändert sich sein Blick. Er scheint uns sagen zu wollen: Schaut her, was für ein neuartiges Gerät ich habe! Schaut her, was ich für großartige Musik höre. Ja, ich bin das. Nehmt mich war! Er erinnert dabei ein wenig an ein Kleinkind, das erstmals auf dem Topf war, stolz daneben steht und von den Großen dafür bewundert werden will. Im Sinne der Evolution ist der Musiktrottel nicht weit von jenem Kleinkind entfernt.

Der Musiktrottel, Teil II, auf einer Party

Wer im Laufe seines Lebens eine gesunde Liebe zur Musik entwickelt hat, wird sich zu Hause Schritt für Schritt eine Sammlung zugelegt haben, in der kein Werk fehlt, das ihm irgendwie wichtig wäre. Deswegen kann er gut damit leben, wenn er auf eine Party geht und dort der Geschmack des Hausherrn und der seinige merklich auseinander gehen. Schließlich genießen gesellige Menschen auf einer Party den Kontakt mit anderen, das lukullische Angebot und wenn sie tatsächlich tanzen wollen, kommt es ihnen eher auf die Qualität der Partnerwahl an als auf die Zusammensetzung des Beats.

Nicht so der Musiktrottel. Er stammt aus dem Hause derer zu Klugscheißer. Er hat in seinem Leben drei Ausgaben von Musikzeitungen, deren Name kaum einer kennt, gelesen und drängt jetzt darauf, dieses Wissen mit der Welt zu teilen, auch wenn sich diese dafür nicht im Geringsten interessiert. Doch das zu registrieren, bräuchte es soziale Empathie – und wenn dem Musiktrottel eins fehlt, dann eben diese.

In der Phase eins gibt der Musiktrottel den Experten ganz ähnlich wie es der Weinwichser tut. Siehe nächstes Kapitel. Nicht lange hält er sich damit auf und geht dazu über, den Geschmack des Hausherrn zu bekritteln. Um schließlich das joviale Angebot zu unterbreiten: Ich schau mal, was Du so da hast – vielleicht ist ja was dabei. Ohne auf eine Antwort zu warten, durchstöbert er die Platten oder das Archiv des Gastgebers und ändert die Musik.

Den oben Beschriebenen könnte das egal sein. Wie erwähnt ist es ihnen letztlich wurscht, welche Musik läuft. Doch wenn der Musiktrottel eins nicht verträgt, dann unbeachtet zu bleiben. Er wird so lange von Song zu Song wechseln und das Tempo des Wechselns anziehen, bis die Ersten ihn genervt aus dem Augenwinkel anschauen. Er hält das mangels anderer Erfahrungen für Zuneigung.

Jetzt gilt wie bei Tieren: Nicht füttern! Wer dem Musiktrottel Aufmerksamkeit schenkt, wird ihn nicht wieder los. Und auf einer Party ist viel zu ertragen, aber nicht ein Musiktrottel, der einem eine Frikadelle ans Ohr näht.