Charts des Grauens

Charts sind für gewöhnlich den größten, schönsten und erfolgreichsten Songs vorbehalten. Nicht so bei Rio-ramscht. Wir werfen einen Blick auf die dunkle Seite der Musikbranche. Den Anfang machen eine abgehalfterte Punkerin, ein missglückter Wahlkampfauftritt und ein zweifelhaftes Angebot an eine imagegeschwächte Ehefrau.

Charles Aznavour, Du lässt dich gehen

1962 hatten Frauen drei große Probleme: Schmeckt meinem Mann der Kaffee? Sind seine Hemden richtig weiß? Und findet er mich immer noch attraktiv? Zumindest war das in der Werbung so. Und auch in den Hitparaden. Wenigstens rechnete dort Charles Aznavour mit seiner Gattin ab: Schon die ersten vier Zeilen von "Du lässt dich gehen" sitzen: „Du bist so komisch anzusehn / Denkst du vielleicht, dass find ich schön / Wenn du mich gar nicht mehr verstehst / und mir nur auf die Nerven gehst.“

Später zählt Aznavour dann noch die „schlampige Figur“, „dein Geschwätz“ und den Moment, „wenn deine Strümpfe Wasser ziehn“ auf. Auf eine Kritik dieser Art würde eine moderne Frau mit einer Gegenfrage reagieren: „Hörst Du die Glocken?“ Falls das nicht der Fall wäre, würde sie mit einem gezielten Tritt nachhelfen. Dem sich am Boden windenden Gatten würde sie noch ein Kärtchen ihrer Scheidungsanwältin in die Hemdtasche stecken. Und alle Sende würden Charlzes Aznavour mit „Du lässt dich gehen“ boykottieren.

Anders 1962, als „Du lässt dich gehen“ es immerhin auf Platz 14 der Verkaufscharts schaffte. Vielleicht auch weil Aznavour gegen Ende des Liedes einen Kompromiss vorschlägt: „Sei doch ein bisschen nett zu mir / an meinem Herzen, dass wär' schön / da lass dich gehen, da lass dich gehen.“ Vielleicht haben die Frauen jener Zeit auf ein solches Angebot gewartet. Heute würden sie noch einen Tritt hinterher setzen.

Bap und Nina Hagen, Weihnachtsnaach

Wenn das schönste Weihnachtslied aller Zeiten gewählt würde, würde The Fairytale of New York von den Pogues irgendwo zwischen Platz eins und Platz eins landen. Kaum zu glauben, dass aus so einem schönen Lied die schlechteste deutsche Interpretation aller Zeiten folgen kann. Und Schuld sind Bap und Nina Hagen.

In der Version der Pogues nöllt der genial versoffene Shwan Mc Growan vor sich hin und zeigt, wie poetisch es sein kann, abgefuckt zu sein. In der deutschen Variante führt Nina Hagen mal wieder vor Ohren, wie nervig es sein kann, abgefuckt zu sein. Während das Original einer Dramaturgie unterliegt, die sich langsam zu einer Schimpfwort-Orgie steigert, ist Nina Hagen von Anfang an Nina Hagen. Getreu dem Motto: Ich bin schrill, ich bin schriiiiillll, schriihiihihiiiillll. Und Du denkst nur noch: Ich weiß. Halt die Fresse!

So ist die Weihnachtsnaach weder abgefuckt melancholisch noch chartstauglich und letztlich halt auch einfach nicht gut. Kommt schon mal vor. Das Böse ist daran, dass es einem einen wirklich guten Song kaputt macht. Der Song findet sich im Übrigen auf Amerika, dem ersten nicht erfolgreichen Album von Bap.