Lyrik auf dem Klo

Jürgen Zeltinger bezeichnete sich selbst als Assi mit Niveau. Warum? Weil er „Lyrik auf dem Klo“ las. Das Lesen auf der Toilette gilt als anrüchig. Zu unrecht. Es ist der ruhigste, friedlichste und somit am besten geeignetste Platz für Lektüre.

Als Bruno Jonas einen Film drehte, der im Bayerischen Rundfunk spielte, ließ er eine Szene auf der Toilette spielen. Auf der Innenseite der Tür stand ein Schild: „Achtung! Hier endet der freie Sektor.“ Das ist witzig, weil es trifft – und das bei Weitem nicht nur für den BR. In den allermeisten Unternehmen ist die Toilette der einzige private Ort. Vor allem in Großraumbüros geschundene Aktenknechte wissen es folglich zu schätzen.

Ich selbst bin ein Spätberufener, habe mit 29 Jahren das Lesen auf der Toilette entdeckt. Damals arbeitete ich für eine Krankenkasse, nennen wir sie hier einmal IKK. Ich fühlte mich nicht ausgelastet, aber dafür beobachtet. Zu Hause hatte ich kurz in Marco Polos Reisen geschaut und festgestellt, dass eine Reise durch eine fremde Welt nicht unbedingt spannend geschildert sein muss. Ich nahm es mit zur IKK und las es in Vier-Seiten-Schüben. Der Dezember 2003 war gerettet. Das Toilettenbuch war entdeckt.

Schnell kamen weitere hinzu. Wobei es auch Try and Error gab. Das Libretto zum Rosenkavalier, geschrieben von Hugo von Hofmannsthal oder Die zärtlichen Schwestern von Christian Fürchtegott Gellert floppten. Komplexe literarische Texte – so die Erkenntnis – eignen sich nicht für die Toilette.

Portionierbar in kleine Einheiten muss sein, was aufm Klo gelesen werden soll. Und Zeltinger hatte Recht: Gedichte eignen sich wirklich am Besten. Aber auch Reiseführer oder Serien a la „Die 101 besten Science Fiction Filme aller Zeiten“ haben sich bewährt.

Wobei es ein Vorurteil ist, auf der Toilette ließe sich nur Leichtes lesen. Ich habe mal während eines wunderbaren Durchfalls 70 Seiten von Adornos Minima Moralia am Stück geschafft. Der Rest ließ sich auch gut lesen, weil der Text portionierbar war.

Die Toilette bringt Konzentration. Für eine kurze Zeit lässt sich eh nichts anderes machen. Würde ich mir im Rest der Wohnung die Minima Moralia vornehmen, würde das nicht klappen: Fernseher, PC, mit dem Hund spazieren gehen, ein amüsanteres Buch lesen… Zu viel drängt sich auf, das mehr Spaß macht. Nur mit herunter gelassenen Hosen konnte ich den Adorno bezwingen – auch wenn es nach den ersten 70 Seiten sechs Wochen dauerte, bis ich durch war.

In besseren Tagen hatte ich immer ein Reclamheft bei mir, falls ich mal in die Situation komme, mir die Zeit totschlagen zu müssen. Dann verzichtete ich darauf ausgerechnet in der Lange-Herr-der-Ringe-Nacht, die ich mir antat, um einer Frau gefällig zu sein. Ich landete trotzdem auf der Toilette. Weil es dort ruhig war. Und ich allein. Aus schierer Langeweile habe ich Minigolf auf dem Handy gespielt. Aber irgendwie fand ich das anrüchig.