Lachshäppchen mit Kartoffelsalat

Swinger-Clubs sind Orte ausschweifender Phantasien und grenzenlosen Sex-Vergnügens. Es muss doch unmöglich sein, ein solch tabuloses Treiben ins Bild zu setzen. Das ist natürlich Unsinn. 24-Stunden-Dokumentationen unterliegen einer festgeschrieben und bewehrten Dramaturgie.

Schritt 1: Das Pärchen wird vorgestellt. In seiner Wohnung wird das Paar gezeigt, wie es sich für seinen ersten Abend im Swingerclub vorbereitet. Wenn es um erfahrene Swinger geht, besuchen sie erstmals einen neuen Club. Gedreht wird, wie  das Paar sich anzieht. Rein geschnitten werden Interviews, die beide zusammen oder einzeln geben – gerne auf dem Bett sitzend.

Die Gespräche handeln von der Erwartungshaltung. Die Pärchen erzählen, dass sie mal was anderes wollen. Begriffe wie erotische Abwechslung sind Standard, werden aber nicht selten durch ostdeutschen Akzent konterkariert.

Dies ist der am wenigsten spannende Teil der Reportage. Ist aber am billigsten und dauert folglich am längsten – um die Produktionskosten niedrig zu halten.

Schritt 2: Das Pärchen sitzt im Auto und erzählt weiter. Da das Gespräch in Gegenschüssen gezeigt wird, ist der Verdacht nicht ganz abwegig, dass das Gespräch nicht so ganz original auf der wirklichen Fahrt in den Club gedreht wurde.

In dieser Sequenz melden vornehmlich die Frauen Zweifel an: Ob es nicht doch etwas gewagt sei, sich Fremden hinzugeben…

Dies erhöht die Spannung und leitet folglich in die Werbepause über.

Schritt 3: Das Pärchen betritt den Club und wird von den in Dessous gekleideten Besitzern erwartet, die da stehen wie bestellt und nicht abgeholt. Sie führen die Neulinge durch ihr Reich.

Hier werden die Regeln erklärt: Wo was ist. Leider werden die richtig spannenden Aspekte ausgeklammert. Wie das zum Beispiel ist, eine Spielwiese zu besteigen, auf der gerade andere ihre Körperflüssigkeiten hinterlassen haben.

Besonders schön und in keiner 24-Stunden-Swingerclub-Reportage fehlen darf: das Buffet. Verlorene Eier und Lachshäppchen mit Nudelsalat. Spätestens hier wird dem geneigten Zuschauer bewusst, wie wenig erotisch dieses Land doch ist.

Schritt 4: Das Pärchen zieht sich um. Die Frauen streifen die Klassiker des erotischen Outfits über: Dessous, Strümpfe mit oder ohne Halter und gegebenenfalls Stiefel. Für die Männer hat sich bisher kein überzeugender sexueller Kleidungsstandard gefunden. Gut, die weißen Schießer müssen es nicht sein. Aber ob irgendwer Männer in schwarzen Netzhemden wirklich attraktiver findet – der Beweis steht noch aus.

Die Pärchen reden wieder über ihre Erwartungshaltung. Es prickele doch jetzt schon ganz schön. Dies erhöht die Spannung und leitet folglich in die zweite Werbepause über.

Schritt 5: Es geht zur Sache. Das heißt: Eigentlich nicht. Das Pärchen schlendert durch den Club. Der Gang erinnert an den ersten Spaziergang durch den Krankenhaus-Park nach dem Schlaganfall. Im Hintergrund sieht man einige C-Klasse-Pornodarsteller bei Trockenübungen. Der Mann erzählt, wie rattig er schon ist.

RTL kriegt es jetzt locker fertig, noch einen Werbeblock einzulegen.

Schritt 6: Es geht zur Sache. Jetzt aber wirklich. Das heißt: Unser Pärchen schmust ein wenig und ein wenig ungelenk auf einer Spielwiese rum. Aus dem Off erzählt die Frau, dass ja schon der Gedanke, beobachtet zu werden, sie anmache.

Der Erzähler sagt, nachher werde das Paar vielleicht noch Kontakt zu anderen haben. Das wird aber nicht gezeigt, nicht mal aufgeklärt, ob es tatsächlich stattfindet.

Schritt 7: Danach. Nach was auch immer. Das Pärchen sitzt an der Theke. Sie schauen verträumt wie ein 14 Jahre altes Mädchen nach seinem ersten Prosecco.

Abblende. Im Hintergrund wird die nächste Reportage angeteasert. Zum Beispiel eine über Autobahnpolizisten und was sie auf ihrer spannenden Streife alles erleben.