Schwachstelle Zutaten

40 Kilo Übergewicht, einen merkwürdigen und offen ausgelebten Fetisch für Maggi und eine eigene Akte bei nahezu jedem Mainzer Pizzaservice. Für viele meiner Freunde lässt das nur ein Schluss zu: Das ideale Geburtstagsgeschenk für Rio ist ein „Kochbuch für Anfänger“. Nur blöd: Erstens besitze ich mittlerweile ein Dutzend davon und zweitens sind fast alle am Thema vorbei geschrieben.

Mein erstes habe ich mir selbst gekauft, als ich von zuhause wegzog. Es versprach genau das: Ein Kochbuch für Anfänger zu sein. Ob es wirklich so hieß, weiß ich nicht mehr. Ich habe es ziemlich bald weggeschmissen. Denn ob es für irgendwen gerecht war, kann ich nicht beurteilen – mit der Lebenswelt eines Kochanfängers hatte es jedenfalls nichts zu tun.

Die sah bei mir so aus: In der ersten Woche ernährte ich mich ausschließlich von belegten Brötchen und einigen Dosen Ravioli. Erst langsam traute ich mich raus in die Kochwelt. Ein nächster Schritt waren Spaghetti Bolognese. Das Fertiggericht aus dem Aldi kochte ich exakt nach den Anweisungen auf der Verpackung. Aus der Situation sollte mir das Buch hinaus helfen.

Die Fotos waren schön und trieben einem das Wasser in den Mund. Doch die Rezepte nachkochen – oder backen? Hammelragout mit buntem Gemüse? Sieben-Schichten-Torte? Mit Trüffeln gefülltes Hühnchen? Toll. Nehme ich sofort. Aber selber kochen? Kaum ein Gericht, das innerhalb einer Stunde fertigzustellen gewesen wäre. Keines unter einer Zutatenliste von über einem Dutzend Angaben. Für einen Single in seiner ersten Wohnung sind das ähnlich utopische Versprechungen wie ein Last-Minute-Urlaub-auf-dem-Mars-Prospekt für einen Frührentner.

Ohnehin sind die Zutaten die große Schwachstelle der Kochbücher – egal ob sie „einfach“ „schnell“ oder „für Anfänger“ als Versprechen im Namen tragen, sie verzichten nicht auf Zutaten wie südindischen Pfeffer, geraspelte Mandeln oder indonesische Feigen. Manches davon ist so exklusiv, dass es nur in Delikatessengeschäften der Großstädte zu finden ist. Und kauft der Kochwillige es, um wenigstens mal ein Rezept umzusetzen, dann gibt er 10 Euro für 100 Gramm aus – von denen 98 Gramm in seinem Küchenschrank vor sich hin vergammeln werden. Wie wäre es mit Salz? Pfeffer? Und von mir aus auch Curry oder Basilikum. Ein Kochbuch, das mir jüngst Freunde kauften, ging so weit, nur Meersalz zulassen zu wollen, das frisch aufgesammelt wurde. Vielleicht nehme ich das ja mal auf meinem nächsten Urlaub am Persischen Golf zu mir.

Ein Kochbuch hat mir weitergeholfen: 30-Minuten-Rezepte von Bassermann. Ihm verdanke ich Gerichte wie das Bananen-Curry-Steak oder den Tomaten-Mozarella-Teller – ja, so weit vorne muss man mich abholen. Aber weiter als auf Seite 20 habe ich mich da auch bisher nicht vorgekocht, obwohl ich den Bassermann nun schon seit gut 15 Jahren besitze.

Als Mann habe ich die fatale Eigenschaft, auch in den Feldern Ehrgeiz zu entwickeln, in denen ich so gar kein Talent mein eigen nenne. Deswegen geht es mir mit diesem Blog nicht (nur) darum, Freunden vor den Kopf zu stoßen – vielmehr ist es eine wohlwollende Warnung. Wer sie missachtet, findet sich an meinem Esstisch wieder und muss ein Etwas essen, das ich zubereitet habe. Die Veteranen und Veteraninnen meines ersten Spaghetti-Essens – nach dem Rezept von der Fertigpackung zubereitet – wissen wovon ich rede.