Sei nicht böse, Uwe

Uwe Seeler feiert Geburtstag. Beliebt bei den Medien ist, dazu die Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen. Das Recht sollte auch für die gelten, die ihn nicht mehr als Fußballer sondern nur als schräge Medienfigur erlebt haben.

Wer – nur zum Beispiel – am 24. Juli 1974 in Illingen Saar geboren wurde, der hat Uwe Seeler als kleiner Zuschauer der Sportschau kennen gelernt. Das war der nette ältere Herr mit Glatze, der nur mit Handtuch bekleidet im Bad stand, einen pfiff und sich dabei das Gesicht einrieb. Wie der Heranwachsende später erfuhr, handelte es sich um ein Rasierwasser und der ganze Auftritt diente dazu, eben jenes zu bewerben.

Erstmal war der nette Herr eine positive Figur. Zum einen kann niemand so ganz unsympathisch sein, der so fröhlich pfeift. Und zum anderen war der Rasierwasserspot ein gutes Zeichen: Jetzt nur noch die BMW-Werbung überstehen, dann war der Block vorbei und die Sportschau fing an. In den Zeiten vorm Privatfernsehen war die Fernsehwelt halt noch berechenbar.

Eine solche, frühe Erinnerung hilft, nicht auf den Mythos herein zu fallen, den die Fußballergeneration Walter-Seeler und mit Abstrichen Beckenbauer von sich aufgebaut hat. Der da lautet: „Uns ging es nicht ums Geld, wir haben nicht so viel verdient, wir haben noch Fußball aus Leidenschaft gespielt.“ Daran stimmt immerhin ein Satz – verdient haben sie tatsächlich nicht so viel.

Dafür gibt es viele Gründe, die sich auf einen Hauptrund reduzieren lassen: Die Vereine hatten etliche Einnahmequellen noch nicht erschlossen: Vor den Privaten zahlten die Öffentlich-Rechtlichen nur einen Unkostenbeitrag für die TV-Gebühren. Trikotwerbung ließ der Deutsche Fußballbund erst nach 1974 und da auch nur unter heftigster Gegenwehr zu. Und was Merchandising betrifft war damals noch nicht einmal das Handbuch geschrieben, in dem der Begriff erklärt worden wäre.

Das heißt aber noch lange nicht, dass sich die Generation Seeler nicht nach dem Geld gestreckt hätte. Ganz im Gegenteil. Die damaligen Kicker haben Sachen gemacht, die heutige sich aus Scham und mangels Bedarf verkneifen: In Werbeauftritten waren sie mindestens genau so präsent – siehe Seeler. Aber sie waren offensichtlich günstiger. So konnte sich eine Tankstellenkette erlauben, Günther Netzer, Wolfgang Overath und Gerd Müller in einem Spot zu verbraten.

Aber auch was andere Vermarktungschancen betraf, waren sie nicht zimperlich. So sorgen heute noch Nummern wie „Gute Freunde darf niemand trennen“ oder „Da macht es bumm“ für Melancholie-Hohn. Auch Autogrammstunden bei Gebrauchtwagenhändler gehörten zum festen Terminplan eines Bundesligakickers. Andere kauften sich Kinos, Kioske oder Tankstellen, deren schwachen Umsatz sie mit ihrem Namen anzukurbeln versuchten. Und 1974 hätte die Nationalmannschaft beinahe die Weltmeisterschaft platzen lassen, weil sich die Spieler nicht mit dem DFB auf die Höhe der Siegprämie einigen konnten.

Uwe Seeler münzte seinen Ruhm um, in dem er als Vertreter arbeitete und dabei seinen Namen als Türöffner verwendete. Und auch der Fakt, der seinen Mythos als „treu“ begründet, lässt sich letztlich wirtschaftlich begründen. Seeler lehnte ein Angebot aus Italien ab und blieb „seinem HSV“ treu. Nur: Letztlich verdiente er beim HSV auch ganz gut und ein Wechsel ins Ausland war in den 60ern so verachtet, dass es Debatten gab, ob solche Fußballer überhaupt noch für die Nationalmannschaft spielen dürfen. Ein in Geld ummünzbarer Name wäre folglich ruiniert gewesen.

Und apropos sein HSV. In den 90ern übernahm Seeler Verantwortung in dem Verein. Er wollte die unstete Politik in dem Club beenden und langfristigen Erfolg aufbauen. Ums kurz zu machen: Ein Blick auf die Tabelle reicht, um Seelers Erfolg zu überprüfen. Falls nicht, kann man ein Quiz veranstalten, wer den HSV seit 1990 alles trainiert hat. Uns Uwes Präsidentschaft endete jedenfalls alsbald und mindestens für einige Wochen waren die Hamburger froh, seinen Namen nicht mehr zu hören.

Nachhaltig in Erinnerung aus Seelers HSV-Präsidentschaft bleibt ein Interview, das er SAT1 gegeben hat und während dem er sich minutenlang ununterbrochen vor laufender Kamera am Sack kratzte. Drum sei nicht bös, Uwe. Wer – nur zum Beispiel – am 24. Juli 1974 in Illingen Saar geboren wurde, schafft es nicht, Dich wie andere Zeitzeugen als Lichtgestalt abzufeiern.