Das Gute am Kalten Krieg

Wer in den 80er Jahren groß geworden ist, wurde um so manches Versprechen betrogen. Das hat es mitunter schwer gemacht, sich zu orientieren. Dafür hat diese Generation gelernt, was am Kalten Krieg gut war.

Ich fühle mich betrogen. In meiner Kindheit, den frühen 80er Jahren hat man mir eine klare Perspektive aufgezeigt: „Die Welt wird bald in einem Atomkrieg zerstört werden.“ Das war einleuchtend, habe ich geglaubt und mich entsprechend darauf eingerichtet. Egal in was: Engagement in der Schule, Zahnpflege oder körperliche Ertüchtigung. Jetzt stehe ich hier und muss sehen, dass mit dem Atomkriegende lässt zumindest noch auf sich warten.

Und auch in anderen Lebensentwürfen wurde ich fehlgeleitet. So hat mich die Regierung zehn Monate in die Bundeswehr genötigt. Es hieß, wir müssten verhindern, dass „der Russe“ nach Deutschland kommt. Und was hat’s gebracht. In Wiesbaden kann ich kaum durch die Wilhelmstraße gehen, ohne welche zu treffen.

Jetzt hab ich ja nichts gegen Russen. Im Gegenteil. Ich schätze ihr Fachwissen, etwa wenn mir jemand Geld schuldet. Aber: Warum musste ich gegen „den Russen“ kämpfen? Und wie zielgerichtet war es, dass ich dafür gelernt habe, wie ein richtig gemachtes Bett auszusehen hat? Ist das jetzt mit der Wahl in Russland schief gelaufen, weil ich die 90-Zentimeter-Kante zwischen Kissen und Bettlaken nie so richtig hingekriegt habe?

Der Kalte Krieg hat – vom Ende her gesehen – die Leute gelehrt, flexibel zu werden. So wurde ich über Jahre imprägniert, Jens Weißflog zu verabscheuen und ihm sportlichen Misserfolg zu gönnen: „Der ist kein Deutscher, die wollen sich dort nicht als Deutsche sehen, dann sind sie auch keine Deutschen“, hieß die Erklärung meiner Eltern. Erst nach 1990 durfte ich ihm zujubeln. Wobei ich bis zum Ende seiner Karriere misstrauisch geblieben, ob sich das nicht noch mal ändert.

Matti Nykänen gut finden, haben meine Eltern hingegen goutiert. Die Nähe Finnlands hingegen zum Ostblock war egal… So tief in die Details des Kalten Kriegs waren sie nicht verstrickt. Dafür waren sie passionierte Hitparaden-Zuschauer, was mich in den Genuss der Kalten-Krieg-Hits brachte. Auf Platz drei brachte es darin Nicole mit „Ein bisschen Frieden“ – auf Platz zwei ihre Rüschchenbluse. Die unangefochtene Nummer eins eroberte aber der Mann mit dem Hut: Udo Lindenberg.

Der harte Mann griff zu zwei unschlagbaren Mitteln des sicheren Erfolgs: ein rührseliger Text und ein auf die Bühne gezehrtes kleines Kind. Zusammen fragten sie „Wozu sind Kriege da“. Textauszug: „Herr Präsident ich bin jetzt 10 Jahre alt / Und ich fürchte mich in diesem Atomraketenwald / Sag mir die Wahrheit sag mir das jetzt / Wofür wird mein Leben aufs Spiel gesetzt“.

Mit „dem Russen“ ist uns ein Eins-A-Feindbild verloren gegangen. Und mit dem Kalten Krieg hat sich auch die Einfachkeit in der Anschauung verabschiedet. Wär spannend, wie Udo Lindenberg wirken würde, wenn er heute „Wozu sind Kriege da“, neu auflegen würde.